Warum eure Organisation überhitzt

18. Mai 2026

Dieselben Slides. Leicht aktualisierte Zahlen, aber dieselben vier Punkte unter „Herausforderungen". Derselbe Satz: „Wir müssen da endlich ran." Den hat letztes Quartal auch schon jemand gesagt. Und das Quartal davor.

Niemand steht auf und sagt: „Leute, wir führen dieses Gespräch zum vierten Mal." Wäre auch seltsam. Also: nächster Agendapunkt, und danach ist man erschöpft, ohne sagen zu können, wovon eigentlich. Es sieht aus wie Arbeit. Es fühlt sich an wie Arbeit. Bewegt hat sich nichts.

Ich hab inzwischen ein Bild dafür, und es kommt aus der Physik.

Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik: Wenn Energie keinen gerichteten Ausweg hat, steigt die Unordnung. Hatte ich im Physikstudium, hab lange nicht dran gedacht. Aber es passt.

Organisationen absorbieren permanent Energie: Marktveränderungen, Anforderungen, neue Tools, Reorgs. Input kommt rein, ständig, von allen Seiten. Und wohin geht er? In Meetings, in Decks, in Abstimmungsrunden. Die Energie bewegt sich, aber ohne Richtung. Beschäftigung, die Fortschritt simuliert.

Das ist Entropie. Nicht Chaos im dramatischen Sinn, sondern ein langsames Aufstauen, das man erst merkt, wenn die Besten stiller werden. Die Frustration wächst leise. Die Erschöpfung hat nichts mit der Arbeitslast zu tun; sie kommt daher, dass Energie ins System fließt, ohne einen gerichteten Ausweg zu finden.

Das Gegenteil von Entropie ist nicht Kontrolle. Es ist Richtung.

Deichsel, bei dem ich in Hamburg Markensoziologie studiert habe, nennt das Eigengesetzlichkeit, übernommen von Leibniz: ein System mit innerem Programm, das sich von innen heraus entfaltet. Eine starke Marke folgt nicht dem Zeitgeist. Sie hat eine Genetik, die als Filter wirkt. Was passt zu uns? Was können wir in Bewegung umwandeln? Was lassen wir draußen?

Diesen Filter kann man energetisch denken. Eine Organisation mit klarem Eigengesetz nimmt Input auf und wandelt ihn um, in Produkte, in Entscheidungen, in Richtung. Eine Organisation ohne diesen Filter absorbiert alles. Und überhitzt.

Aber was ist dieser Filter konkret?

Leibniz’ Monade ist fensterlos, komplett geschlossen; eine Organisation kann das nicht sein. Sie braucht Kunden, Märkte, Rückmeldung. Die Antwort ist nicht geschlossen oder offen. Sie ist: selektiv durchlässig. Wie eine Membran.

Und diese Membran besteht aus drei Schichten.

Identität. Was ist das Eigengesetz dieser Organisation, was macht sie unverwechselbar, und was würde sie zerstören, wenn man es änderte? Das ist die tiefste Filterschicht. Sie lässt sich nicht in einem Offsite erfinden; sie ist schon da. Man muss sie freilegen.

Kompass. Jeder Input braucht ein Kriterium, einen viszeralen Test. In meiner eigenen Arbeit ist das eine einzige Frage: „Gehts nicht geiler?" Klingt roh, aber genau das macht sie brauchbar: schnell, ehrlich, nicht verhandelbar. Die organisationale Version lautet: „Bringt uns das in Richtung, oder scheucht es uns nur auf?" Wenn niemand diese Frage stellt, kommt alles rein.

Kanäle. Identität ohne Struktur bleibt Philosophie. Die Energie braucht gebaute Wege, durch die sie fließen kann: Wertströme, End-to-End-Prozesse, klare Übergaben. Wenn die Kanäle fehlen, hilft auch der beste Kompass nichts, denn die Organisation weiß dann zwar, wer sie ist, aber die Energie findet trotzdem keinen Ausweg.

Alle drei zusammen bilden die Membran. Identität allein ist Selbstbild ohne Wirkung. Ein Kompass allein ist Willkür. Kanäle allein sind das nächste Framework, das nichts ändert. Erst zusammen filtern sie Input in gerichtete Bewegung.

Ein Dreischritt beschreibt das gut: alles reinpacken, rigoros ausmisten was überlädt, die Essenz strahlen lassen. Schritt zwei ist die Filterfunktion, und der Dreischritt beschreibt, wie eine Membran entsteht: nicht von Anfang an geschlossen, erst offen, dann filtriernd, dann gerichtet. Die Membran ist kein Zustand. Sie ist ein Prozess.

Ich sehe das an einer simplen Frage: Haben sich eure Probleme in den letzten sechs Monaten verändert? Neue Probleme, andere Reibungspunkte als vorher bedeuten: Das System lernt, Energie fließt durch es hindurch. Dieselben Probleme seit Monaten bedeuten: Das System staut auf. Die Membran funktioniert nicht. Oder es gibt keine.

Die Frage ist nicht, ob es Probleme gibt. Die Frage ist, ob es neue sind.

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