Der zweite Blocker sitzt nicht im Backlog
Montag, 9:15. Daily. Zwölf Minuten für drei Personen und ein Board voller Tickets. Die Blocker sind benannt: API-Zugang fehlt, Anforderung ungeklärt, Bottleneck im Review-Prozess. Alles sichtbar, alles lösbar. Wir notieren, wer sich kümmert, und machen weiter.
Jeder Scrum Master kennt diesen Moment. Board voller gelber und roter Karten, Team arbeitet routiniert ab, der Prozess fühlt sich an, als würde er funktionieren. Der erste Blocker — sichtbar, benennbar, lösbar — ist das tägliche Brot. Er ist nicht das Problem.
Was nicht auf dem Board steht: Der Product Owner schiebt seit drei Sprints eine Richtungsentscheidung auf, weil jede Wahl Optionen schließt. Niemand spricht das an, weil der nächste Bug bequemer ist als die Frage, ob das Produkt überhaupt in die richtige Richtung läuft. Eine Entwicklerin hält ihre beste Idee zurück, weil sie sich fragt, ob sie die Richtige ist, das vorzuschlagen. Alle im Raum spüren, dass etwas nicht stimmt. Alle machen weiter. Weitermachen ist weniger bedrohlich als Innehalten.
Das ist der zweite Blocker.
Er steht in keinem Ticket. Er taucht in keiner Retrospektive auf. Und er lässt sich nicht weg-facilitieren.
Was der zweite Blocker ist
Der zweite Blocker ist kein Kommunikationsproblem. Keine bessere Retro-Methode löst ihn. Kein Framework-Wechsel behebt ihn. Er ist das, was hinter dem Prozess passiert — unausgesprochene Ängste, vermiedene Entscheidungen, stillschweigende Übereinkünfte. All das, was dafür sorgt, dass ein Team funktioniert, ohne voranzukommen.
Im Einzelnen: Imposter-Gefühle, die verhindern, dass jemand seine Expertise einbringt. Die Angst, sichtbar zu werden. Die Bequemlichkeit, sich hinter einer Rolle zu verstecken, statt für eine Position einzustehen.
Im Team: „Wir machen das halt so." Alle wissen, dass es nicht funktioniert. Die echten Gespräche finden in der Kaffeeküche statt, nie im Planning. Die Kritik geht an den Kollegen, nie an den Stakeholder.
In der Organisation: Cargo-Cult-Zeremonien. Planning Poker, Refinement, Sprint Review — alle machen mit, niemand glaubt mehr daran, dass die Flugzeuge landen. Jonathan Smart beschreibt in Sooner Safer Happier eindrücklich, wie Organisationen agile Praktiken oft ritualisieren, ohne deren Prinzipien wirklich zu verinnerlichen. Die Zeremonien fühlen sich sicher an, weil sie bekannt sind. Auch wenn sie nichts bewirken.
Warum Framework-Wechsel nichts verändern
Die Agile-Industrie hat ein Geschäftsmodell daraus gemacht, den ersten Blocker zu lösen. Neue Frameworks, neue Zertifizierungen, neue Rollen. Scrum passt nicht? Kanban. Kanban reicht nicht? SAFe. SAFe zu schwer? Flight Levels. Die Sprache ändert sich. Die Dynamik nicht.
Ich habe Teams erlebt, die in drei Jahren drei Frameworks gewechselt haben. Nicht weil die Frameworks schlecht waren — sondern weil das Problem woanders saß. In dem, was alle sahen und niemand sagte. Ein neues Framework gibt einem Team neue Vokabeln. Nicht den Mut, die unbequeme Wahrheit auszusprechen.
Das ist auch der Grund, warum die Rolle des Agile Coaches erodiert. Nicht Agile selbst. Die Haltung bleibt relevant — schnelle Experimente, iteratives Arbeiten, das wird eher wichtiger. Was erodiert, ist der eigenständige Job: jemand, der Rituale moderiert und innerhalb der Teamgrenze wirksam sein soll.
Zu wenig Hebel. Wer nur am Team schraubt, stößt an die Decke, sobald das Problem zwischen den Teams sitzt. Im Release-Prozess. In den Approval-Layern. Und da sitzt es fast immer.
Die meisten Agile Coaches arbeiten am ersten Blocker. Sie moderieren, visualisieren, optimieren. Und wundern sich, warum die Retrospektiven Symptome behandeln, aber nie an die Ursache kommen.
Die Ursache ist der zweite Blocker. An den kommt man nicht mit Moderationskarten.
Eine Entscheidung, kein Schicksal
Im Sinne Adlers lässt sich Vermeidung oft als unbewusste Schutzstrategie verstehen, nicht als unveränderliches Schicksal. Oft unbewusst, fast immer nachvollziehbar. Der zweite Blocker schützt. Vor Ablehnung, vor Sichtbarkeit, vor der Konsequenz, sich klar zu positionieren.
Aufgelöst wird er nicht durch Analyse. Sondern durch Mut.
Kishimi und Koga greifen Adlers Denken in Du musst nicht von allen gemocht werden auf und zeigen, wie der Mut zur Unbeliebtheit zur Voraussetzung für Authentizität werden kann. Im Team heißt das konkret: Solange niemand bereit ist, den unbequemen Satz zu sagen, bleibt alles, wie es ist. Egal wie das Board aussieht.
Britt Frank kommt von einer anderen Seite zum selben Punkt. In The Science of Stuck arbeitet Britt Frank heraus, warum Menschen steckenbleiben, obwohl sie wissen, was zu tun wäre. Ihre These: Oft liegt kein Motivationsproblem vor, sondern ein Regulationsproblem. Menschen frieren ein, wenn die wahrgenommene Bedrohung zu groß wird. Teams auch. Mehr Druck verstärkt das Einfrieren. Was hilft: Neugier an die Stelle von Vermeidung setzen. Leichter gesagt als getan. Aber es beginnt damit, dass jemand den Raum dafür öffnet.
Viktor Frankl beschrieb, die letzte Freiheit des Menschen sei die Wahl der eigenen Haltung. Er meinte das existenziell, unter Bedingungen, die man sich nicht vorstellen möchte. Aber der Kern trifft auch ins Standup am Montagmorgen. Die Wahl: sichere Variante — Tickets abarbeiten, Blocker benennen, weiter. Oder die Frage stellen, die danach alles verändert.
Teams haben dieselben zweiten Blocker wie Einzelpersonen
Was im Einzelcoaching funktioniert, gilt auf Gruppenebene genauso. Nur schwerer zu adressieren, weil die Dynamik sich verteilt. Angst vor Sichtbarkeit, Vermeidung unbequemer Wahrheiten, Festhalten an Methoden, die nicht mehr funktionieren — im Einzelcoaching heißt das Inner Work. Im Team wird es als „Teamkultur" gelabelt. Und damit unangreifbar.
In meiner Coaching-Ausbildung habe ich gelernt, den zweiten Blocker zu erkennen. Durch Fragen, die unter die Oberfläche gehen. Durch Stille aushalten. Durch Benennen, was im Raum steht. Im Einzelcoaching gibt es dafür ein Mandat. In der Organisationsberatung fehlt es meistens. Teams werden „gecoacht", aber nur an der Oberfläche. Retrospektiven behandeln Symptome.
Flow Engineering, Value Stream Mapping, DORA-Metriken — sinnvolle Werkzeuge. Aber sie funktionieren nur, wenn der zweite Blocker bearbeitet wird. Sonst bleiben die Value Stream Maps Papier. Ein schönes Bild von einem System, das sich weigert, sich ehrlich anzuschauen.
Die Lücke, die niemand benennt
Ein hartnäckiges Beispiel: Die Lücke zwischen Management, Engineering und Design. Drei Welten, drei Sprachen, drei Geschwindigkeiten — alle spüren, dass sie aneinander vorbeiarbeiten. Die strukturellen Gründe habe ich an anderer Stelle beschrieben. Hier interessiert mich die andere Frage: Warum benennt niemand, was alle sehen?
Die Lücke ist kein Geheimnis. Jeder kennt sie. Aber das Aussprechen hätte Konsequenzen. Für Zuständigkeiten, für Machtverteilungen, für die Frage, wer das Mandat hat, über die Grenzen der eigenen Disziplin hinaus zu wirken. Also bleibt sie bestehen. Nicht weil die Struktur sie erzwingt. Sondern weil der zweite Blocker sie schützt.
Delivery-Geschwindigkeit entsteht nicht im Sprint Planning. Sie entsteht in der Klarheit, die da sein müsste, bevor ein Ticket geschrieben wird. In Entscheidungen, die vor dem Sprint getroffen werden müssten. In Gesprächen zwischen den Disziplinen, die niemand führt, weil sie unbequem wären.
Was tatsächlich hilft
Es gibt keine Methode gegen den zweiten Blocker.
Es gibt eine Haltung. Sie beginnt mit der richtigen Frage. Nicht: Welches Framework passt besser? Sondern: Warum hat das letzte nicht funktioniert — und wo liegt die Antwort wirklich? Meistens nicht im Prozess. Sondern in dem, was alle sehen und niemand sagt.
Der erste Blocker lässt sich im Daily lösen. Der zweite verlangt etwas anderes. Dass jemand den Satz sagt, von dem alle wissen, dass er gesagt werden müsste. Dass jemand die Stille aushält, die danach kommt. Und dass man nicht sofort nach der nächsten Methode greift, sondern erst mal mit dem sitzt, was ist.
Das lässt sich nicht zertifizieren. Es passt in kein Stellenprofil. Aber es ist der einzige Hebel, der wirklich etwas verändert.